"Gefäßerkrankungen nehmen dramatisch zu - Frauen besonders betroffen"


Welche Maßnahmen Frauen und Ärzte präventiv setzen können, welche aktuellen Behandlungsmethoden es gibt und welche Auswirkungen dies auf unser Gesundheitssystem hat, darüber sprachen Spezialisten des Wilhelminenspitals Wien und die Frauengesundheitsbeauftragte der Stadt Wien.

Gefäßerkrankungen nehmen dramatisch zu - Frauen sind besonders stark betroffen
Mehr als 1,5 Millionen Österreicherinnen und Österreicher leiden an Gefäßerkrankungen, die von Krampfadern im leichtesten Fall bis zu Thrombosen, Herzinfarkt und Schlaganfall im schwerwiegendsten Fall reichen. Die Zahl der Erkrankten wird sich bei den über Sechzigjährigen in den nächsten Jahren verdoppeln. Grund dafür ist die immer älter werdende Bevölkerung. Besonders für Frauen sind Vorsorgeuntersuchungen und der Einsatz interdisziplinärer, frauenspezifischer Therapien lebensnotwendig. Darüber hinaus sind Therapien im Frühstadium für das Gesundheitssystem kosteneffizienter, wie Spezialisten des Wilhelminenspitals heute bei einem Pressegespräch im Vorfeld zum internationalen gefäßmedizinischen Kongress, am 5. und 6. November in Wien verdeutlichten.
Mehr Infos unter www.gefaesschirurgie-wien.at

Genderspezifische und interdisziplinäre Aspekte stärker berücksichtigen
Der internationale gefäßmedizinische Kongress, zu dem rund 300 ExpertInnen und EntscheidungsträgerInnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz erwartet werden, steht unter dem Motto "Die Frau als Gefäßpatientin - von der Natur begünstigt oder von der Medizin vernachlässigt" und richtet sich dabei nicht nur an GefäßchirurgInnen, sondern verfolgt einen interdisziplinären Ansatz, bei dem mehrere medizinische Fachbereiche eingebunden werden. "Viele schwerwiegende Erkrankungen wie etwa Schlaganfall und Herzinfarkt sowie viele Frauenleiden sind auf Gefäßerkrankungen zurückzuführen. Wichtig ist, Frauen aufzuklären, welche Beschwerden mit Gefäßerkrankungen verbunden sind. Dadurch kann eine gezielte frühe Behandlung eingeleitet werden. Zudem ist die Kostenersparnis für das Gesundheitssystem bei einer Therapie im Frühstadium enorm", so Prim. Priv.-Doz. Dr. Afshin Assadian, Vorstand der Gefäßchirurgie des Wilhelminenspitals Wien und Initiator des Kongresses.

Im Rahmen des Kongresses, der unter dem Ehrenschutz der Wiener Frauengesundheitsbeauftragten ao. Univ.-Prof.in Dr.in Beate Wimmer-Puchinger steht, werden sämtliche Aspekte der Gefäßmedizin bei Frauen abgedeckt. Es sind ReferentInnen aus unterschiedlichsten Fachbereichen vertreten wie etwa die der Gynäkologie, Kardiologie und Dermatologie, die man auf den ersten Blick nicht direkt mit der Gefäßmedizin in Verbindung bringt. "In der gefäßchirurgischen Abteilung des Wilhelminenspitals Wien haben wir gesehen, dass Patientinnen und Patienten vom interdisziplinären Ansatz besonders profitieren. Es ist uns daher ein besonderes Anliegen, Kräfte zu bündeln und für alle Fächer eine gemeinsame Plattform in Form eines Kompetenzzentrums im Wilhelminenspital aufzubauen", erklärt Afshin Assadian. "Zudem wollen wir mit dem Kongress auch auf genderspezifische Unterschiede in Diagnose und Behandlungsmethoden aufmerksam machen. Bisher waren die Behandlungsmethoden und-instrumente vorwiegend auf die männliche Anatomie abgestimmt. Mittlerweile stellt auch die Industrie auf die weibliche Anatomie angepasste Katheter und Gefäßprothesen her", führt Assadian weiter aus.

Beate Wimmer-Puchinger begrüßt die Initiative der Gefäßchirurgie des Wilhelminenspitals: "Diese Initiative ist aus mehreren Gründen innovativ und beispielhaft: Einerseits sind Gefäßerkrankungen ein weit verbreitetes Gesundheitsrisiko, von dem Frauen deutlich mehr und anders betroffen sind, andererseits ist es wichtig, dass der Schwerpunkt zukünftig auf interdisziplinäre Zusammenarbeit gelegt wird. Die Gefäßchirurgie des Wilhelminenspitals widmet sich mit diesem Kongress verstärkt den Gefäßerkrankungen bei Frauen und nimmt somit eine Vorreiterrolle gelebter ‚Gender Medizin' ein. Ich freue mich über diesen richtigen und wichtigen Schritt zum Wohle der Frauen."

Vorsorgeuntersuchungen und rechtzeitige Therapie verhindern Schlimmstes
"Frauen haben ein drei- bis fünffach höheres Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben als Männer", bringt es Prim. Univ.-Prof. Dr. Kurt Huber, Vorstand der Kardiologie des Wilhelminenspitals Wien, auf den Punkt. "Ursachen für ein höheres Infarktrisiko sind einerseits die häufig später einsetzende Behandlung und andererseits die Tatsache, dass Frauen im Schnitt um zehn Jahre älter sind, wenn sie einen Infarkt erleiden. Noch dazu haben Frauen häufig untypische Infarktbeschwerden, weswegen sie auch später um ärztliche Hilfe ansuchen. Vorsorgeuntersuchungen können aber das Schlimmste verhindern", so Kurt Huber.

Auslöser für Herzinfarkt, Schlaganfälle oder die weit verbreitete "Schaufensterkrankheit" - bei der durch Minderdurchblutung der Beine eine deutlich verkürzte Gehstrecke eintritt - sind auch hier wieder einengende arterielle Gefäßerkrankungen, von denen rund eine halbe Million ÖsterreicherInnen betroffen sind.
Auch das bekannte "Raucherbein" oder das diabetische Gangrän, bei denen es zu einem Absterben des Beines kommen kann, gehören dazu. "Ähnlich wie in der Kardiologie treten erste Beschwerden oft in sehr fortgeschrittenem Alter auf. Durch neue sehr schonende Methoden können gerade sehr alte Patientinnen und Patienten mit geringer Belastung behandelt werden. Hier gilt es in Zukunft, sowohl unter Ärzten als auch unter Patientinnen und Patienten Aufklärungsarbeit zu leisten und auf die Möglichkeit und Notwendigkeit neuer Behandlungen hinzuweisen", erklärt Assadian.

"Gefäßprothesen für die Frau" verhindern den schnellen Tod durch Aneurysma
Von Aneurysmen als erweiternde Erkrankung, bei der es zur Ausdehnung der Gefäße kommt, sind Frauen anders betroffen als Männer. Werden Aneurysmen nicht rechtzeitig durch eine Operation, bei der eine Gefäßprothese oder Stent eingesetzt wird, behandelt, führt dies zu einer Ruptur des Gefäßes (Platzen), was in 80 Prozent der Fälle tödlich endet. Dazu Assadian: "Geschlechtsspezifische Unterschiede ergeben sich dahingehend, dass im Rahmen der früh geplanten Therapie bei Frauen ein anderer Durchmesserwert der Aorta herangezogen werden muss, als es bei Männern der Fall ist. Bisher wurde zur Behandlung immer der Durchmesserwert des Mannes verwendet. Geringere Durchmesser der erweiterten Schlagader, wie sie bei Männern noch selten zu einer Ruptur führen, können bei Frauen aber schon tödlich sein. Neue Stents, die auf die Anatomie der Frauen eingehen, können das Aneurysma ausschalten und somit verhindern, dass es platzt." Bei einer Operation ersetzt dabei eine Kunststoffprothese die kranke Aorta, wobei der Stent die schonendere Methode ist.

Gefäßerkrankungen oft Ursache für Frauenleiden - vom Myom bis zu Schmerzen im Genitalbereich
Gefäßerkrankungen können Schmerzen und weitere Erkrankungen in verschiedenen Bereichen verursachen. Ein weitverbreitetes Leiden unter Frauen ist beispielsweise das Myom, bei dem es sich um ein gutartiges Gewächs in der Gebärmutter handelt. Dieses kann aber, wenn es nicht behandelt wird, zu Schmerzen und Unfruchtbarkeit führen. "Früher wurde Frauen einfach die Gebärmutter entfernt. In vielen Fällen gelingt es heute, durch einen endovasculären (katheterbasierten) Eingriff die Blutversorgung des Myoms gezielt zu unterbinden und dadurch eine Rückbildung der Gewebewucherung herbeizuführen. Wie aktuelle Erkenntnisse zeigen, ist die Ursache für manches Frauenleiden im Gefäßsystem zu finden", so Assadian.

Ein Paradebeispiel für Schmerzen im Genitalbereich ist das Pelvic Congestion Syndrom - es handelt sich dabei um Krampfadern im kleinen Becken - , das mit massiven Schmerzen z.B. auch beim Geschlechtsverkehr einhergehen kann. "Wir wissen heute, dass die eigentliche Ursache eine Klappeninsuffizienz der Vena Ovarica - jener Vene, die zum Eierstock führt - ist. Nach Durchführung einer Verödung des betroffenen Gefäßes sind die Patientinnen geheilt. Um jedoch solche Dinge zu erkennen, bedarf es einer Gynäkologin bzw. eines Gynäkologen mit Gefäßkompetenz, der über ein interdisziplinäres Netzwerk mit einer guten Gefäßchirurgie und einer interventionellen Radiologie im Hintergrund verfügt", betont Assadian.

Krampfadern als häufigste Erkrankung besonders bei Frauen
Harmlosere und in der Bevölkerung weit verbreitete Gefäßerkrankungen stellen Krampfadern dar, worunter weit über 1 Million ÖsterreicherInnen leiden. Diese zählen zu den venösen Erkrankungen, wovon Frauen dreimal häufiger betroffen sind als Männer. Im schlimmsten Fall und bei Nichtbehandlung führen diese zu den typisch offenen Beinen. Eine massive Reduktion der Lebensqualität ist die Folge.

Bestmögliche Versorgung aus einer Hand
Die immer älter werdende Bevölkerung stellt das Gesundheitssystem vor neue Herausforderungen. Dabei wird nicht nur der Bedarf an gefäßmedizinischer Versorgung in einigen Bereichen um das Fünffache steigen, sondern - einhergehend mit Alter und neuen Erkenntnissen - werden sich auch die Therapien komplexer und aufwendiger gestalten.

"Um das bestmögliche Ergebnis für den Patientinnen und Patienten zu erzielen, wird es zukünftig unumgänglich sein, die interdisziplinäre Zusammenarbeit wie auch die Spezialisierung in Form eines Gefäßkompetenzzentrums zu forcieren. Durch die Bündelung der verschiedenen Disziplinen und die Erlangung der Kompetenz innerhalb eines Hauses kommt es für die Patientinnen und Patienten zur Reduktion der räumlichen und zeitlichen Wege und zur Optimierung der Ergebnisse. Wir sehen unsere Aufgabe darin, in Form von Aufklärung und Präventionsmaßnahmen sowie durch Einsatz von richtigen und individuell abgestimmten Therapien die Lebensqualität unserer Patientinnen und Patienten nachhaltig zu verbessern", erklärt Assadian die Motive für die zukünftige Etablierung eines Gefäßkompetenzzentrums am Wilhelminenspital in Wien.

Die gefäßchirurgische Abteilung des Wilhelminenspitals wurde 1992 auf Initiative des Gesundheitsstadtrates der Stadt Wien Dr. Sepp Rieder gegründet. Neben modern eingerichteten Ambulanzräumen für Chirurgie sowie Gefäßchirurgie verfügt die Abteilung noch über einen Ordinationsraum für den abteilungseigenen Internisten. Zusätzlich stehen über 56 Patientenbetten, die auf zwei Stationen aufgeteilt sind, zur Verfügung. Das Ärzteteam umfasst derzeit zehn chirurgische Oberärzte und Fachärzte, sechs AssistenzärztInnen, einen Internisten mit spezieller Ausbildung in Diabetologie und Kardiologie sowie einen Angiologen. Zwei StationsärztInnen komplettieren das ständige ärztliche Team. Mehr Information unter www.gefaesschirurgie-wien.at

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- Basis-Presseinformation „Wilhelminenspital Wien – Daten und Fakten“

Download O-Ton: www.o-ton.at Presse-Rückfragen: Prim. Priv.-Doz. Dr. Afshin Assadian Vorstand der Gefäßchirurgie, Wilhelminenspital Wien Tel.: 01/491 50-4101, 0676 33 63 569, afshin_assadian@yahoo.de